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Risiken im Projekt identifizieren

Von Benedikt Wörner
6. September 2017

Das Spiel mit den Horrorschlagzeilen

Als Consultant lebe ich für Herausforderungen. In jedem neuen Projekt hege ich die Hoffnung, gewissen Themen oder Schwierigkeiten nicht nochmal zu begegnen. Einige Themen treffe ich allerdings immer wieder – zum Beispiel der Umgang mit Risiken in den Projekten.

Häufig erlebe ich, dass eine Risikobetrachtung einmalig gemacht und anschließend ad acta gelegt wird. Oder Risiken werden erst gar nicht identifiziert.

Warum eine Risikobetrachtung auch für den Test relevant ist, brauche ich vielen von Ihnen vermutlich nicht zu erläutern. Falls Sie kein Test-Experte sind: Wir richten zum Beispiel unsere Testplanung nach Risiken aus, klassifizieren Testobjekte anhand der Risiken und wählen schlussendlich auch die passende Testmethode danach aus.

Seit ich als Test-Experte arbeite sind Risikoworkshops meist gähnend langweilig. Oft wird stundenlang darüber diskutiert, welche Risiken den Beteiligten spontan einfallen. Anschließend werden Eintrittswahrscheinlichkeiten und potenzielle Schadenshöhen mehr oder weniger ausgewürfelt. Es entstehen meist Risikolisten, die so umfangreich sind, dass ein Arbeiten mit den Risiken kaum möglich war. Verstehen Sie mich nicht falsch: Das sind durchaus wichtige Indikatoren zur Quantifizierung der Risiken. Dennoch sollte eine Risikoanalyse aus verschiedenen Blickwinkeln erfolgen. Ein Workshop kann einer davon sein.

Risiken mit Horrorschlagzeilen identifizieren

Es gibt zum Glück andere Methoden, um Risiken zu identifizieren. Einige davon sind kurzweilig und können Spaß machen. Elisabeth Hendrickson(*) beschreibt zum Beispiel „Das Spiel mit Horrorschlagzeilen“. Mit der von ihr beschriebenen Methode kommt man in fünf Schritten zur sogenannten Test-Charta. Eine Test Charta ist eine Anweisung von Testzielen und möglichen Testideen (mehr hier):

  • Schritt 1: Voraussetzungen schaffen
  • Schritt 2: Sammeln Sie Schlagzeilen
  • Schritt 3: Suchen Sie sich ein großes Risiko zum Arbeiten aus
  • Schritt 4: Beteiligte Ursachen finden
  • Schritt 5: Ursachen zu Charta weiterentwickeln

Ich habe das Spiel mit den Horrorschlagzeilen zur Identifikation von Produktrisiken mit Anwendern gespielt. Dafür reichen die Schritte eins bis vier. Hier meine Schritt-für-Schritt-Anleitung:

Schritt 1: Schaffen Sie Voraussetzungen

Zunächst bitte ich meine Teilnehmer, sich in ihre morgendliche Routine zu versetzen.

Ich zeige das an meiner Morgen-Routine als Beispiel: Ich muss zunächst den schrecklich klingelnden Wecker abschalten. Nach einer kurzen Aufwachphase stehe ich auf, bewege mich noch schläfrig in die Küche, koche mir einen Kaffee und frage Alexa nach den Schlagzeilen des Tages. Alexa liest mir eine Schlagzeile nach der anderen vor und plötzlich bin ich hellwach. Eine Schlagzeile dreht sich um das Projekt, bei dem ich gerade im Einsatz bin.

Ich gebe den Teilnehmern anschließend kurz Zeit, darüber nachzudenken und frage sie dann: „Wie lautet die Schlagzeile?“.

Meine Beschreibung des morgendlichen Ablaufs baut Empathie für die Situation auf. Es macht den Teilnehmern zudem deutlich, dass es sich bei der Schlagzeile um etwas Schlimmes handeln muss. Etwas Anderes würde mich schließlich nicht aus der Fassung bringen.

Schritt 2: Sammeln Sie Schlagzeilen

Im nächsten Schritt kommen die Workshop-Teilnehmer zum Zug. In 15 bis 20 Minuten notieren Sie in Kleingruppen die Horrorschlagzeilen, die sie nach einem GoLive ihrer Applikation nicht lesen wollen. Dieser Part macht besonders Spaß. Alles ist erlaubt. Je schlimmer die Schlagzeile, je besser. Stellen Sie sich vor, Sie lesen folgende Schlagzeilen:

  • Black Friday! Schwarzes Bild während des gesamten Spielfilms
  • Splatter zum Frühstück! Channel 42 zeigt Horrorfilm im Frühstücksfernsehen
  • Abscheulich! Baumarkt-Werbung nach Kettensägen-Massaker
  • Krimi ohne Spannung! Mörder bereits nach 5 min bekannt

Die Gruppen dürfen die Schlagzeilen gerne mit Details ausschmücken. Anschließend stellen sie sich ihre Ergebnisse kurz vor. Diskussionen zu den Schlagzeilen unterbinde ich als Moderator, zugelassen sind nur Verständnisfragen.

Inspiriert von den Schlagzeilen der ersten Vorstellungsrunde dürfen die Teilnehmer weitere Schlagzeilen notieren. Dieser Zeit-Slot ist bewusst kürzer, maximal 5 bis 10 Minuten.

Schritt 3: Suchen Sie sich ein großes Risiko für die folgende Arbeit aus

Für die weitere Arbeit benötigen die Teilnehmer eine Top-Horrorschlagzeile. Jede Gruppe wählt eine ihren gesammelten Schlagzeilen aus. Hierzu bietet sich zum Beispiel ein Dot-Voting an. Jedes Gruppenmitglied hat eine Stimme in Form eines farbigen Klebepunktes und klebt diesen auf seine favorisierte Schlagzeile. Die Schlagzeile mit den meisten Votes wird für die nächste Runde genutzt.

Schritt 4: Beteiligte Ursachen finden

Die ausgewählten Schlagzeilen notiere ich auf einem Flipchart oder einer Metaplan-Wand. In einem Brainstorming mit allen Teilnehmern tragen wir gemeinsam mögliche Ursachen zusammen, die für die Schlagzeilen verantwortlich sind.

Für die oben genannte Schlagzeile „Black Friday! Schwarzes Bild während des gesamten Spielfilms“ könnte dies zum Beispiel lauten:

  • Korruptes Videofile wird nicht erkannt. Player spielt Schwarzbild ab
  • Übertragung der Metadaten hat nicht funktioniert
  • Fehlerhafte Segmentierung des Bildmaterials

Et voilà. Sie haben potenzielle Produktrisiken identifiziert.

Nach meiner Erfahrung ist es für Anwender meist schwierig, ungestützt Risiken für ihr Projekt zu nennen. Das Spiel mit den Horrorschlagzeilen löst das auf: Denn es ist leichter für Menschen, sich ein (Horror-)Szenario auszumalen und dann auf mögliche Ursachen zurückzuschließen, als die Ursachen sofort zu benennen. Über die Erzählung der Morgen-Routine versetzen sich Anwender in ihre tägliche Arbeit. In den Schlagzeilen erkennen sie Probleme, die sie vielleicht aus der Vergangenheit kennen.

Natürlich ersetzt diese Methode das klassische Risikomanagement nicht. In meinem Methodenkoffer hat sie allerdings einen festen Platz.


(*)Elisabeth Hendrickson: „Explore It! – Wie Softwareentwickler und Tester mit explorativem Testen Risiken reduzieren und Fehler aufdecken“ dpunkt.verlag, ISBN 978-3-86490-093-8, 2014

 

Weitere Blogs über Werkzeuge aus unserem Methodenkoffer gibt es hier

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