Freiflug

Digitales Detox

Von Jutta Kling
28. März 2018

An einem sehr kalten Februarmorgen werfe ich mir meinen Mantel so schwungvoll über, dass mein kaum zwei Monate altes iPhone SE aus der Tasche gleitet und auf den mit Rollsplitt übersäten Bürgersteig fällt, die Displayseite nach unten.

Es ist die filigranste und verzweigteste „Spider-App“, die ich je gesehen habe. Das iPhone kann noch benutzt werden, also verläuft mein Sonntag wie geplant – ich nutze eine App, um Distanz und Geschwindigkeit eines Laufs zu tracken, höre nachmittags via App und Bluetooth-Boombox Musik, sende Fotos und Nachrichten via iMessenger und WhatsApp an Freunde und Familie, lade meinen Boarding Pass für den montäglichen Flug zum Projektstandort in das Wallet, kaufe ein mobiles Ticket für den Bus zum Flughafen, stelle den Wecker auf 5:15 morgens, scrolle gelangweilt durch tumblr, lese Artikel – und ignoriere die Splitter, die sich mein Daumen dabei einfängt.

Natürlich kann der Busfahrer am Tag darauf das Ticket nicht einscannen; das gesplitterte Display verhindert das Auslesen des QR-Codes. Die Damen am Schalter schauen entgeistert auf das iPhone und drucken kommentarlos eine Boarding-Karte aus. Noch denke ich, ach, in der Mittagspause lasse ich das Display austauschen, das geht fix, das ist kein Beinbruch.

Und dann wird's schwarz

Wenige Stunden später halte ich ein Telefon mit schwarzem Bildschirm in den Händen. “Tut mir leid”, sagt der Händler, “da ist auch der Bildschirmsensor kaputt gegangen, da müssen sie zum Apple Store gehen.” Langsam werde ich unruhig.

Im Apple Store sagt man mir, man könne mich auf die Warteliste setzen, dann käme ich heute noch dran. Das Problem sei ja ersichtlich, man würde mich per SMS informieren, wenn ein Platz frei wird. Stumm und anklagend halte ich der professionell gut gelaunten Apple-Servicekraft mein schwarzes Handy entgegen. Dann also einen festen Termin ausmachen: “Kommen Sie doch in einer Woche wieder, um 12:35 Uhr, ist das in Ordnung?” Ja, was soll man da sagen. Natürlich ist es in Ordnung.

Nichts ist in Ordnung!

Wir alle denken hin und wieder, dass uns ein digitales Detox guttun könnte. Ich habe vor ein paar Jahren mal eine Woche ohne Handy gelebt, da war ich in einem Ashram im Westerwald, es gab viel Süßholzwurzeltee, ayurvedisches Essen und Yoga. Mein Umfeld war informiert, dass ich untertauche, und ich konnte mich auf die Versorgung im Haus verlassen. Aber jetzt ist Alltag – ist Großstadt – ist Reisen und Arbeiten ohne iPhone angesagt. Als ich mit meinem nutzlos zersplitterten Handy den Apple Store verlasse, ermahne ich mich – verdammt, das kann nicht so schwer sein, Donnerstag bist du zurück in München, kannst dein altes Handy wieder nehmen. Jetzt also drei Tag ohne, das wird ein Klacks, das hältst du doch aus!

Natürlich hält man es aus. Natürlich kommt man zurecht. Und natürlich ist es mittlerweile beinahe unmöglich geworden, es auszuhalten und zurecht zu kommen.

Kalter Entzug

Am zweiten Tag merke ich, wie mein Blick reflexhaft auf meinen auf dem Schreibtisch liegenden Geldbeutel geht, in der Annahme, das dunkle Viereck müsse doch demnächst aufleuchten – oder ist es gerade aufgeleuchtet, gibt es nicht Nachrichten? Wenn das iPhone meines Tischnachbarn vibriert, verspüre ich das Verlangen, meine Hosentaschen abzuklopfen, vielleicht wars ja meins? Ein vages Gefühl beschleicht mich: „Ich habe schon so lang keinen Input mehr erhalten … ich möchte eine Seite herunter ziehen, ein kleines Rädchen sehen, das sich dreht, und dann poppt neuer Inhalt hoch … das, ja, das wäre jetzt gut …“ Nur ein wenig irgendwas refreshen! Himmel, man wird doch noch sinnlos auf einen kleinen bunten Bildschirm starren können? Mein Geldbeutel weigert sich, guten Content anzuzeigen. Meine Kollegen weigern sich, mir eins ihrer Handys zu überlassen. Kein glockenhelles „Ping!“ für mich.

Abends habe ich mich für einen Vortrag der Zeit-Akademie angemeldet; feine Sache, ganz einfach eigentlich die Anreise. Die U2 drei Haltestellen fahren, raus aus der U-Bahn, gegen die Fahrtrichtung auf die Straße, gleich links, wieder links, dann müsste man das Gebäude sehen. Ich verlasse das Büro, gehe zur U-Bahn, warte, und fühle mich unwohl. Habe ich richtig nachgeschaut? Habe ich mir den Namen der Haltestelle gemerkt? Wen kann ich fragen? Wo kann ich etwas refreshen? Kleines Rädchen auf dem Bildschirm, warum drehst du dich nirgends? Was denken meine Freunde von mir, bei denen ich mich seit 24 Stunden nicht gemeldet habe? Gibt jemand eine Vermisstenanzeige auf?

Bei der Veranstaltung angekommen sehe ich auf Anhieb zwei Dinge, die ich fotografieren und als Bilder gleich an verschiedene Leute schicken will. Stattdessen stehe ich tatenlos da. Meine Hände wollen etwas auf einem Bildschirm tippen. Ich sitze wie ein isoliertes Häuflein Digital-Cold-Turkey-Elend zwischen den anderen Besuchern – die alle auf ihre Smartphones blicken, bis der Vortrag beginnt.

Autonom ohne App?

Wir sind so vernetzt und verbunden mit den Apps, die uns das Leben erleichtern, dass wir sie gar nicht mehr als Helfer wahrnehmen. Vom Ellbogen bis ans Display-Ende – der Arm ist eins geworden mit dem eifrigen Phone. Wir sind in eine Abhängigkeit geraten, die wir weit von uns weisen, weil die Einsicht erschreckend wäre: Wer navigiert heutzutage noch ohne App? Wer druckt Tickets aus? Wer hat seinen Terminkalender im Kopf? Wer ruft Freunde an? Wer langweilt sich noch, wer kommt eine halbe Stunde ohne Input aus?

Tag Drei meines unfreiwilligen Detox: Ich frage mich, wie es dazu gekommen ist, dass ich so viel Autonomie an ein kleines schwarzes Kästchen abgegeben habe. Statt Cold Turkey nun eine Art grimmiger Stolz. Fahrkarten kann man auch ausdrucken, ha! Ihr armen Seelen, die ihr am Smartphone hängt in der Bahn und auf der Straße! In den viereinhalb Stunden Bahnfahrt lese ich ein ganzes Buch, von vorn bis hinten, und bin kein einziges Mal abgelenkt.

Plötzlich die Erkenntnis: Ich habe ein Stück Freiheit wiedergewonnen. Ich kann meinen Geist lenken, ich kann mir aussuchen, womit ich mich befasse. Ist das nicht eigentlich eine Selbstverständlichkeit? Wissen wir immer, wer die Oberhand hat im Verhältnis von Smartphone und Mensch?

 

Am nächsten Morgen, zurück in München, hole ich mein altes iPhone 6s aus der Schublade. Es glänzt schwarz und glatt und kühl; der Apfel erscheint auf dem Display. Ich warte einen Moment, da ploppen schon die roten Kreise mit zweistelligen, dreistelligen Zahlen bei iMessage, WhatsApp und Mail auf.

Seufzend öffne ich die erste App. Mein Finger gleitet über das Glas. Ah, fühlt sich das gut an.

 

 

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