Freiflug

Fehlerkultur 2.0

Von Nicolas Behle
13. Oktober 2017

Warum wir umdenken müssen

Hap Klopp, langjähriger CEO von The North Face und heutiger Aufsichtsrat mehrerer Tech-Unternehmen, sieht „Failure" als „secret sauce" des Silicon Valley. "Failure and invention are inseparable twins“, sagt Jeff Bezos von Amazon. Es sind bisher hauptsächlich IT-Unternehmen, die erkennen, welchen Einfluss eine Fehlerkultur für die intrinsische Motivation und Innovationskultur in Unternehmen haben kann. Durch ein agiles Mindset und den Anspruch, den Nutzer in den Mittelpunkt zu stellen, wird es zentral, eine Fehlerkultur zu fördern, in der Mitarbeiter „einfach mal machen“. So ergibt sich für sehr viele Unternehmen heute fast die Notwendigkeit, Fehlerkultur wieder zu fördern, welche zunächst verlernt wurde: Zum Beispiel durch das Bildungssystem, die „Like- und Bewertungskultur“ oder ständiges „Social Posting“.

Das Problem im System

Ein Blick auf viele Unternehmen oder junge Absolventen unterstreicht hingegen, dass gelebte Fehlerkultur noch die absolute Ausnahme ist. Etwas, das gar nicht verwundert, wenn man das System betrachtet, in dem unsere Gemeinschaft sozialisiert wird: Kinder lernen ab einem bestimmten Lebenszeitpunkt, dass es gut ist, der Beste oder zumindest einer der Besten zu sein, sei es in der Schule oder im Sport. Gewinnen ist gut, Einsen schreiben das anerkannte Ziel. Wer scheitert, steigt ab: in der Tabelle, in der Schulklasse und, wenn es hart auf hart kommt, auch in der Gesellschaft. Sicherlich erwischt sich ein Jeder bei dem Gedanken, dass es doch fair oder vielleicht sogar besser ist, wenn jemand auf Grund von schlechter Leistung und mangelnder Motivation ein Schuljahr wiederholt; und dass es wichtig ist, Noten zu vergeben. Denn jemand, der sich viel mehr Mühe gegeben hat als ein anderer, sollte diese Differenz doch auch gespiegelt bekommen. Ist das wirklich sinnvoll?

Im Studium ist es nicht anders als in der Schule. Das Ziel für viele Studierende ist heute das Bestehen der Prüfung, nicht die interdisziplinäre und perspektivenreiche Auseinandersetzung mit verschiedenen Themen. Denn am Ende bekommt der Student vorwiegend eine Note, statt des „Kurs bestanden“ oder „Erfolgreich teilgenommen“. Entweder 1,7 oder eben 4,3. Mit welchem Ziel? Um eine Filterung von Menschen zu ermöglichen, den Guten und Schlechten?

Überforderte Abiturienten sind ein gutes Beispiel dafür, welche Wirkung der sozialisierte Erfolgsdruck in der persönlichen Entscheidungsfindung erzeugen kann. Wie viele Jugendliche stehen heute nach dem Abitur mit 17 Jahren vor der offenen Welt, wissen nicht weiter, gehen dann erst einmal nach Australien und Süd-Ost Asien, um dann ein Jahr später wieder am gleichen Punkt zu stehen? Auf das Bauchgefühl hören wahrscheinlich die Wenigsten. Es ist oft das einfachste sich an den Erwartungen der Gesellschaft zu orientieren, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen, anstatt etwas zu wagen. Anders zu sein kostet Kraft, kostet Mut, kostet Fehlerbereitschaft. Eine Bereitschaft die in den 12 prägenden, vorhergegangenen Jahren nicht gefördert wird. Es wird noch viel Zeit benötigen, bis ein solches komplexes System sich nachhaltig verändert und neue Erkenntnisse und Ansätze von den Universitäten, in den Köpfen und im Lehrberuf angekommen sind. Es lassen sich nun mal nicht alle „alten Hasen“ durch junge, andersdenkende Lehramtsabsolventen ersetzen. Und letzten Endes sind auch die Absolventen im bestehenden System erzogen worden.

Perfektion contra Fehlerkultur

Gesamtheitlich betrachtet geht die Gesellschaft darüber hinaus einen kontraproduktiven Weg. Es sind ausgerechnet die IT Unternehmen dieser Welt, die arbeitskulturellen Vorreiter, die dazu beitragen, alles immer perfekter zu machen. Denn der Großteil der Unternehmen im Silicon Valley entwickelt Lösungen, die das Leben genauer, fehlerfreier und transparenter machen sollen, sei es hinsichtlich Business-Intelligence-Lösungen, Smart Home, Healthcare oder Autonomous Driving. Die auf die Fehlerkultur bezogene bedenklichste Entwicklung scheint dabei die fortwährende Interaktion mit Bewertungsmechanismen und Social Media zu sein.

Damit beschäftige ich mich im zweiten Blogeintrag.

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