Freiflug

Bewertungsrausch und Posting-Wahn

Von Nicolas Behle
19. Oktober 2017

Im ersten Teil dieses Blogbeitrags (Link) schreibe ich über die scheinbare Neuentdeckung der Fehlerkultur und das Paradox, dass Kinder als Meister der Disziplin „Lernen durch Ausprobieren, inklusive Fehler machen“ genau dieses Vermögen im Bildungssystem wieder verlernen – um es sich dann im Beruf wieder anzueignen. Die fortwährende Interaktion mit Bewertungsmechanismen und Social Media übt das Verhalten zusätzlich ein.

Der Mensch im Bewertungsrausch

Digitalisierung und Vernetzung schaffen Transparenz. Das ist erst einmal positiv, doch kann sie sich ohne verifizierende Instanz schnell in einen Nachteil verwandeln. Online-Nutzer bewerten heute alles und jeden auf verschiedensten Kanälen: die Wanderung auf Tripadvisor, das Buch auf Amazon, die App im Appstore, das Hotel bei Booking.com, den Fahrer bei Uber und das Restaurant bei Google und Yelp. Und wenn der Nutzer es nicht von sich selbst aus tut, bittet eine Email ihn um die Evaluierung des Erlebten. Die Tragweite einer Bewertung ist dem Wertenden dabei oft gar nicht bewusst. So können beispielsweise Fahrer von Uber oder Mytaxi auf Basis dieser oftmals unreflektierten Wertung für 24 Stunden gesperrt oder ganz von der Plattform ausgeschlossen werden. Das mag die Gesamtqualität erhöhen, lässt aber wenig Platz für Toleranz. Restaurants mit 3,9 von 5 Sternen kommen für einen Besuch gar nicht mehr in Frage, obwohl es vielleicht nur zwei bis drei wirklich unzufriedene Besucher gab. Und wer weiß, was diese wirklich zu einer schlechten Bewertung verführt hat?

Posten, Posten, Posten

Die Bewertung des eigenen Lifestyles und Werdegangs durch andere kann Jeder heute sehr gut steuern. Facebook und Instagram übernehmen die Rolle moderner Tagebücher und werden zu digitalen Belegsammlungen für persönliche Erfolge. Für Niederlagen und emotionale Lowlights ist auf diesen Plattformen kein Platz. Dem Konsumenten sozialer Netzwerke wird suggeriert, dass alle anderen Partizipierenden großartig sind und Großartiges erleben. Gegebenenfalls suggeriert der Konsument sich durch seine Beteiligung sogar selbst, ein solches Leben zu führen. Seine Bekannten sind unterwegs, an den schönsten Orten dieser Welt, essen die ausgefallensten Speisen und leben zwischen den Kulturen.

Die Zeppelin Universität zeigt ihren Followern, was die Studenten während ihrer Ferien machen: Praktika bei Firmen und Organisationen in Singapur, Brüssel, Helsinki und Rio de Janeiro, oder Auslandssemester in Peru oder Kalifornien. Ferien scheint niemand zu machen. Welches Gefühl erzeugt das bei anderen Studenten? Jeder möchte erfolgreich sein, da doch alle erfolgreich zu sein scheinen. Oliver Jeges (2014) beschreibt in seinem Buch "Generation Maybe" die heutige zwischenmenschliche Interaktion als real gewordene Sparkassenwerbung der 90er Jahre (hier zum Anschauen). Die Protagonisten und früheren Schulfreunde Schober und Schröder treffen sich nach vielen Jahren wieder und präsentieren sich gegenseitig ihre Erfolge seit der Schulzeit in Form von Fotos: „Mein Haus, mein Auto, mein Boot, meine Frau“. Abstrakt betrachtet, scheint eine Plattform wie Facebook heute nichts Anderes als Schröders Tisch im Restaurant zu sein. Für Fehler ist dort wenig Platz.

Mehr Raum zum Ausprobieren

Wo bewegen wir uns also hin? Zu mehr oder weniger Fehlertoleranz? Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass es gesellschaftlich noch einiges aufzuholen gibt, um eine ähnlich agile und innovationsfreundliche Atmosphäre wie in modernen IT-Unternehmen aufleben zu lassen. Dazu braucht es eine wagemutige, selbstbewusste Politik und eine deutlich fordernde Wirtschaft, um das marode System zu durchbrechen, das die klugen Köpfe von morgen so einseitig sozialisiert. Wie und ob man den Bewertungs- und Posting-Wahn verändern kann, ist schwer zu sagen. Ein erster Schritt wäre, eine Gesellschaft dafür zu sensibilisieren, sich differenziert mit einem solchen Thema und dessen mögliche Folgen auseinanderzusetzen und das eigene Handeln zu reflektieren. Das sollte in einem Land der Dichter und Denker doch eigentlich möglich sein.

 


Quellen

Bezos, J. (2016). Jeff Bezos über: Work ethics, Passion, Innovation, Work culture, Failure, Customers, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=56uxnKbvbJ4 [aufgerufen am 30.09.2017].

Ek, D. (2014). Internes Spotify Video: Spotify Engeneering Culture, online unter: https://vimeo.com/94950270 [aufgerufen am 30.09.2017].

Jeges, O. (2014). Generation Maybe. Berlin: Haffmans &Tolkemit.

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