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Spenden per DAO

Von Clemens Wickboldt

11. März 2021

Wie wir aus der Not des Corona-Lockdowns eine Tugend der Dezentralität gemacht haben

Bei MaibornWolff werden regelmäßig Abstimmungen gehalten, um einen Konsens für kleinere und größere Fragestellungen zu finden. Das reicht von Abstimmungen in kleinerem Kreis zur Unternehmensstrategie bis zu Abstimmungen unter allen MitarbeiterInnen. Bei einer wachsenden Anzahl von MitarbeiterInnen wird ein direkter Austausch zunehmend ineffizient. Nicht zuletzt geht Transparenz verloren. 

Als IT-Dienstleister versuchen wir dieses Problem technologisch zu lösen. Gesucht wird eine Lösung die generisch genug ist, um solche Abstimmungsprozesse zu begleiten, jedoch spezifisch genug, um unternehmensspezifische Regeln und Bedingungen der jeweiligen Abstimmung abzubilden. Die Lösung sollte eine gerechte, transparente und nutzerfreundliche Abstimmung auch bei einer wachsenden Unternehmensgröße ermöglichen.

Anhand des folgenden Beispiels haben wir uns bei MaibornWolff der Beantwortung der oben genannten Fragestellung genähert. Durch den Einsatz einer DAO (Decentralized Autonomous Organization) konnten wir zeigen, dass es möglich ist, gerechte, transparente und nutzerfreundliche Abstimmungen durchzuführen. Der modulare Aufbau der DAO ermöglicht es uns, das System durch weitere Komponenten, insbesondere zur Abstimmung zu erweitern.

Unsere jährliche Spendenaktion und der Bedarf zur Digitalisierung

Zum Jahresende stimmen wir über die Verteilung von Spenden durch MaibornWolff an wohltätige Organisationen ab. Jede MitarbeiterIn hat die Möglichkeit, Organisationen vorzuschlagen und für diese innerhalb des Unternehmens zu werben. Das Office Management organisiert die Abstimmung. Es sammelt die Vorschläge für wohltätige Organisationen, publiziert Informationen zu den Organisationen und ist fachlich für die Abstimmungslösung verantwortlich. Alle MitarbeiterInnen erhalten Stimmrechte und können damit mitbestimmen, welche Organisationen wie stark gefördert werden sollen. Diese Stimmrechte sind unabhängig von Hierarchien. Das Office Management zählt am Ende die Stimmen aus und errechnet daraus die zu spendenden Beträge pro Organisation. 

Dieser Abstimmungsprozess erfolgte bisher in unseren Büros. Dort waren Plakate aufgestellt, um die sich die Kollegen und Kolleginnen im Advent versammelten. An den Plakaten konnte sich jeder und jede über die Hintergründe und Details der Organisationen informieren und schließlich seine oder ihre Stimme per Sticker abgeben. Aufgrund der Corona-Pandemie 2020 war dieser Prozess so nicht mehr umsetzbar.

Wir haben den Anlass genutzt, um intern eine Lösung zur Abstimmung zu entwickeln, die nicht nur den bisherigen Prozess ersetzt, sondern bei der Gelegenheit gleich verbessert. Der bisherige Prozess war aufwändig: die Stimmen mussten manuell von den Organisatorinnen ausgezählt werden. Außerdem war er nicht fälschungssicher. Die Sticker waren nicht eindeutig identifizierbar, sodass rein theoretisch die Möglichkeit bestand, eigene Sticker und damit mehr Stimmen zu verteilen. Eine dezentrale und transparente technische Lösung unterstreicht, was selbstverständlich sein sollte und bei MaibornWolff selbstverständlich ist: Innerhalb des Unternehmens gibt es keine Institution, die Interesse daran hat, die Abstimmung zu steuern. Jedoch führt dieser Anspruch dazu, dass sich eine dezentrale Organisation innerhalb eines Unternehmens in Spannung zu der Wahrung einzelner persönlicher Interessen befindet.

Kurzüberblick über die Technologie und das Konzept DAO 

Im Bereich der Distributed Ledger Technologies gibt es ein Verfahren, welches die Möglichkeit hat, diese Anforderungen zu erfüllen und gleichzeitig das Spannungsverhältnis zwischen (dezentraler) Organisation in einem Unternehmen und individueller Mitbestimmung auflöst: Eine sogenannte DAO (Decentralized Autonomous Organization). Eine DAO ermöglicht es, sich in einer virtuellen Gemeinschaft [1] zusammenzufinden, deren Regeln in Smart Contracts formalisiert werden. Ein Smart Contract beschreibt ein Protokoll zur Formalisierung und Ausführung von digitalen Regeln [2]. Um diese Regeln nachvollziehbar und fälschungssicher festzuhalten können, werden sie mittels Blockchain-Technologie [3] persistiert. Durch eine Kombination von verteilter Datenhaltung, Konsens-Mechanismen und kryptografischen Operationen wie Signaturen und Verschlüsselung ist es nahezu unmöglich, ohne Zustimmung der Organisationsmitglieder Daten zu verändern oder zu löschen. Damit wandert die Rolle eines vertrauenswürdigen Vermittlers in solchen Systemen von einer natürlichen Person hin zu im Systemdesign eingebetteten Regeln [4]. Das führt zu einer Verschiebung der Wahrnehmung: Bisher galt, dass Code zur Regulierung des Verhaltens von Internetnutzern dient, Code also bestehendes Recht ausführt (‚code is law‘). Die Entwicklung geht nun dahin, dass Recht direkt in Code formalisiert wird (‚law is code‘) [5]. Weiterhin wird argumentiert, dass das Spannungsverhältnis von dezentraler technischer Organisation (sog. On-Chain-Governance) und die Teilnahme von individuellen Stakeholdern mit eigenen Interessen (sog. Off-Chain-Governance) durch die Verwendung einer passenden Softwarearchitektur adressiert werden können [6].

Blockchain-Netzwerke lassen sich in die Dimensionen Public, Private, Permissioned und Permissionless unterteilen [7]. Auf solchen Netzwerken lassen sich sogenannte dezentrale Applikationen (dApps) betreiben. Es wird zwischen Direct Transactional und Conditional Transactional dApps unterschieden [4]. Direct Transactional dApps nutzen die Blockchain etwa zum Datenaustausch, Regeln werden allerdings off-chain beschrieben. Conditional Transaction dApps nutzen Smart Contracts zur Ausformulierung der Regeln. Diese Conditional Transaction dApps können teilweise autonom agieren, Governance wird durch partielle Nutzung von Smart Contracts umgesetzt. Daneben gibt es voll autonome Applikationen, die ohne externe Governance-Strukturen bestehen.

Unser dezentraler Ansatz: die MaibornWolff DAO

Vor der Implementierung der DAO wurde der existierende manuelle Prozess überarbeitet. Wie in Abbildung 1 zu sehen, sind die eingangs beschriebenen Stakeholder weiterhin am Prozess beteiligt. Außerdem ist die MaibornWolff DAO im Einsatz, welche vom Bereich Distributed Ledger Technologies (DLT) bereitgestellt wurde. DLT ist technisch für die Abstimmungslösung verantwortlich. Im neuen Prozess schlägt das Office Management formell wohltätige Organisationen zur Abstimmung vor. Die Mitarbeitenden erhalten von der MaibornWolff DAO die gleiche Anzahl von Charity-Token, übereinstimmend mit der Anzahl der Stimmrechte.

Vereinfachter Abstimmungsprozess zur Spendenaktion mit der MaibornWolff DAO

Abbildung 1

Innerhalb kurzer Zeit hat das DLT-Entwicklungsteam einen Prototyp entwickelt, welcher Mitte Dezember 2020 zum Einsatz gekommen ist. Wie in Abbildung 2 zu sehen, haben die Nutzer zwei Möglichkeiten zur Abstimmung: Entweder sie nutzen den bereitgestellten Voting-Service oder sie stimmen dezentral über eine eigene Wallet ab. 

Vereinfachtes Architekturdiagramm der MaibornWolff DAO

Abbildung 2

Der Weg über den Voting-Service ist für die Nutzer einfacher, technisch jedoch komplexer. Der Voting-Service erhält regelmäßig Nutzerdaten aus dem MaibornWolff Active Directory. Ist die MitarbeiterIn bei MaibornWolff aber noch nicht Mitglied der MaibornWolff DAO, so erstellt der Onboarding-Service ein Schlüsselpaar, legt dieses in der Member DB ab und stellt dem neuen DAO Mitglied die Charity-Token zur Verfügung. Der Voting-Service stellt dem Frontend Nutzerinformationen bereit, welche zur Authentifizierung notwendig sind. Auch erhält das Frontend Informationen über die Organisationen, wie Namen, Titel und eine Beschreibung. Das Frontend wiederum fragt Daten aus der Ethereum Blockchain ab, so etwa die aktuelle Anzahl der Token für die Nutzer und die Token Balance der Organisationen und damit die Anzahl der Stimmen, die die Organisation bereits erhalten hat. Loggt sich die NutzerIn im Frontend ein, so kann er oder sie nun abstimmen, heißt Token an Organisationen verteilen. Diese Anfragen werden über den Voting-Service an einen Transaction-Relay-Service weitergeleitet, welcher die Abstimmungsanfragen in einer Warteschlange organisiert und gleichmäßig über die Web3 API  auf der Ethereum Blockchain platziert.

Der Transaction-Relay-Service ist notwendig, um sicherzustellen, dass nur so viele Anfragen die Web3 API erreichen, wie diese bereit ist gleichzeitig zu verarbeiten. Um für die Verprobung Transaktionskosten zu vermeiden, wurde nicht auf das Ethereum Mainnet, sondern auf ein Testnetzwerk zurückgegriffen. Alternativ kann der Nutzer oder die Nutzerin mit einem eigenen Schlüsselpaar abstimmen. Dazu erhalten die Nutzer ihren Private Key aus der Member DB. Mit einer Wallet App wie etwa MetaMask kann der Nutzer nun selbstständig und ohne Frontend seine Charity-Token an die jeweiligen Organisationen senden. 

Der überarbeitete Prozess ist damit technisch über die MaibornWolff DAO realisiert. Die Zusammenarbeit innerhalb dieser DAO wird über Blockchain Governance orchestriert.

Governance – Wie sich eine DAO verwalten lässt

Blockchain Governance wird zunächst als eine technische Herausforderung, etwa die Wahl des geeigneten Netzwerks verstanden. Diese Regeln dazu werden innerhalb des Protokolls oder spezifischer innerhalb von Smart Contracts festgehalten. Sclavounis [8] beschreibt diese Art der Regulierung als ‘governance by the network’. Jedoch existieren Problemstellungen die über technische Entscheidungen hinausgehen. Während einige [6] grob zwischen off-chain Governance und on-chain Governance unterscheiden, differenzieren andere [4] zwischen verschiedenen Governance-Schichten: Infrastruktur, Applikation, Unternehmen und Institutionen.

Governance Layer in Anlehnung an Rikken (2019)

Auf Infrastrukturebene (Infrastructure) haben wir nach der Wahl des Ethereum-Netzwerks keinen weiteren Einfluss auf die Governance: Als Public Permissionless Netzwerk nutzt das gewählte Ethereum Testnetzwerk Görli derzeit Proof of Authority zur Konsensfindung, was keinem unserer Anwendungsfälle entgegensteht. 

Die Applikationsebene (Application) hingegen, spielt eine größere Rolle dahingehend, wie wir innerhalb der MaibornWolff DAO miteinander agieren wollen. Wir haben uns an dieser Stelle zu einer Conditional Transaction dApp mit einem Smart Contract entschieden. So können wir kodierbare Regeln im Smart Contract festhalten und bietet uns dennoch die Gelegenheit, existierende Governance-Strukturen des Unternehmens MaibornWolff zu nutzen.

Hinsichtlich der Unternehmensebene (Company), baut die MaibornWolff DAO auf existierenden Governance-Strukturen auf. So sind die Mitglieder zunächst dadurch definiert, dass sie in einem Angestelltenverhältnis mit MaibornWolff stehen. Diese Entscheidung wird durch das zentrale Private-Key-Management unterstützt. Zwar steht es grundsätzlich jedem DAO-Mitglied frei, seinen Private Key in einer eigenen Wallet zu verwalten, allerdings wird im initialen Onboarding der Private Key zunächst zentral abgelegt. Durch das Onboarding wird zudem sichergestellt, dass es nur ein DAO-Mitglied je MitarbeiterIn gibt. Am Beispiel der Spendenaktion hat jedes DAO-Mitglied Charity Token erhalten. Diese Entscheidung wurde außerhalb der DAO getroffen. Ebenso wurden sämtliche vorgeschlagenen wohltätigen Organisationen zur Abstimmung zugelassen. Auch diese Entscheidung wurde außerhalb der DAO getroffen. 
Die institutionelle Ebene (Institution) reguliert die Zusammenarbeit über die Unternehmensgrenzen hinaus. Innerhalb unseres Anwendungsfalls hatten wir keine Schnittmenge mit bestehenden institutionellen Governance-Strukturen.

Dass es sich bei der MaibornWolff DAO weniger um eine vollständig autonome, dezentrale Organisation handelt als um eine Conditional Transaction dApp, hat Auswirkungen über den weiteren Umgang mit Blockchain Governance. Je nachdem welche künftigen Anwendungsfälle in der DAO realisiert werden, spielen auch institutionelle Rahmenbedingungen eine Rolle; ein Beispiel wäre die Tokenisierung und interne Verrechnung von Leistungen im Unternehmen.

Lessons Learned aus der DAO zur Spendenaktion

Wir haben uns eingangs die Frage gestellt, inwiefern technologische Innovationen dazu beitragen gerechte, transparente und nutzerfreundliche Abstimmungen auch bei einer wachsenden Unternehmensgröße zu ermöglichen und dabei das Spannungsverhältnis zwischen individuellen Bedürfnissen und gemeinsamen Entscheidungen im Unternehmen zu beachten. Zur Untersuchung dieser Frage wurde die MaibornWolff DAO entwickelt und anhand der Abstimmung im Rahmen der Spendenorganisation verprobt.

In technischer Hinsicht lässt sich festhalten, dass der Einsatz mit einer bestehenden Web3 API es uns ermöglicht hat, in vergleichsweise kurzer Zeit production ready zu sein. Die Verwendung der Web3 API im Gegensatz zur Verwendung einer eigenen Node hat jedoch zur Folge, dass es Beschränkungen bei den Transaktionen pro Sekunde gibt. Für den Fall, dass viele MitarbeiterInnen gleichzeitig abstimmen, sind wir bereits in Simulationen an die Leistungsgrenzen gestoßen und haben nachträglich weiteren Aufwand in die Entwicklung eines Transaction Relays investiert.

Organisatorisch steigert die digitale Lösung das Abstimmungsverhalten und gibt dem Office Managment Sicherheit und birgt erhebliche Arbeitserleichterungen. So teilt uns das Office Managment nach Ende der Spendenaktion folgendes mit:

Wir haben die Sicherheit, dass alle Mitarbeiter die Möglichkeit bekommen zu spenden. Es gehen keine Punkte verloren. Auch kann nicht jemand mehr Punkte vergeben als erlaubt.

Wir haben natürlich massiv an Zeit bei der Auswertung eingespart. Ein Knopfdruck statt per Hand Punkte auf einem Blatt zählen und das multipliziert mit der Anzahl der Standorte. 

Die Leute können sich mehr Zeit nehmen und sich besser über die Organisationen informieren, bevor sie spenden. 

Auf jeden Fall ist mehr Transparenz vorhanden, da jeder live sehen kann, wie viel eine Organisation bekommen hat. 

Technologische Innovationen wie die DAO können dazu beitragen, dezentrale Organisationsformen zu digitalisieren und damit gerechte, transparente und nutzerfreundliche Abstimmungen auch bei wachsender Unternehmensgröße zu ermöglichen. Die erfolgreiche Umsetzung der Spendenaktion und die sehr positive Rückmeldung der Stakeholder motivieren dazu, über einen erweiterten Einsatz nachzudenken.

Mit einer Weiterentwicklung von dApps in der MaibornWolff DAO werden zunehmend Governance-Fragen auf institutioneller Ebene relevant. Dies tritt vor allem dann ein, wenn es um den Austausch von Token geht, die schließlich in bestehende Währungen getauscht werden können. Aber auch Governance auf Company- und Applikationsebene sollte fortwährend diskutiert werden. An unserem Beispiel der Abstimmung zeigt sich, dass am Ende wichtige Fragen, wie etwa zum Start oder Beenden der Abstimmung außerhalb der DAO getroffen wurden.

Durch diesen ersten internen Versuch hat sich gezeigt, dass das Formen einer DAO eine Möglichkeit sein kann, insbesondere die Prozesse abzubilden, die ohnehin nicht von existierenden Hierarchien betroffen sind. Die DAO ist jedoch nur die Technologie. Der Auftrag, Fragen zur Zusammenarbeit und damit Fragen zur Governance einer DAO zu beantworten, bleibt bestehen.
 

Quellen

[1] Szabo N (1997) Formalizing and securing relationships on public networks. First Monday
 

[2] Swan M (2015) Blockchain thinking: The brain as a decentralized autonomous corporation [commentary]. IEEE Technol Soc Mag 34:41–52
 

[3] Nakamoto S (2008) Bitcoin: A peer-to-peer electronic cash system.(2008)
 

[4] Rikken O, Janssen M, Kwee Z (2019) Governance challenges of blockchain and decentralized autonomous organizations. Inf Polity 24:397–417. https://doi.org/10.3233/ip-190154
 

[5] De Filippi P, Hassan S (2016) Blockchain technology as a regulatory technology: From code is law to law is code. arXiv Prepr arXiv180102507
 

[6] Arribas I, Arroyo D, Reshef Kera D (2020) Sandbox for minimal viable governance of blockchain services and DAOs: CLAUDIA. Adv Intell Syst Comput 1238 AISC:24–30. https://doi.org/10.1007/978-3-030-52535-4_3
 

[7] Beck R, Müller-Bloch C, King JL (2018) Governance in the blockchain economy: A framework and research agenda. J Assoc Inf Syst 19:1
 

[8] Sclavounis O (2017) Understanding public blockchain governance. Oxford Internet Inst blog 1–4

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