Freiflug

Lernen ungleich Schulung

Von Julian Traut @J_Traut_Tweet auf Twitter
19. März 2019

Schulung mal anders gedacht. Eine laienhafte Reflektion

Aus zwei Tagen „klassischer“ Schulung nehme ich in der Regel eine, vielleicht zwei Ideen mit. Das fühlt sich zu wenig an. Und doch finde ich es erstaunlich, wenn ich mir überlege, was alles zusammenkommen muss, damit ich etwas lerne:

  • die passenden Vorkenntnisse,
  • eine gute Aufbereitung,
  • ein Anknüpfungspunkt für den Transfer in die „echte“ Welt.
  • Ich muss die Relevanz erkennen, und
  • der*die Trainer*in muss mich erreichen.
  • Ich muss in diesem Moment aufmerksam sein.
  • ...

Darüber hinaus fällt auf: Jeder der Punkte ist sehr individuell. Meine Vorkenntnisse sind andere, als die der Kollegin. Ihre „echte“ Welt ist anders als meine. Was wir als relevant erkennen, unterscheidet sich genauso wie unser Empfinden für eine gute Aufbereitung.

Raum zum Lernen

Anders als in der Schule oder im Studium kommen wir im beruflichen Kontext nur für einige Stunden „geteilter Lernerfahrung“ zusammen und gehen dann wieder unserer Wege. Es gibt keinen gemeinsamen Grundkanon – etwa der Stoff aus den letzten drei Semestern. Auch ist das Wissensgefälle zwischen der*dem einen Lehrenden und den vielen Lernenden längst nicht so hoch, wie vielleicht in einer Bachelorvorlesung. Als Teilnehmer*in bringe ich vielleicht schon Erfahrungen und Wissen aus verwandten oder überlappenden Bereichen mit.

So ernüchternd diese Bestandaufnahme sein mag, haben Schulungen einen großen Vorteil: Sie schaffen einen expliziten Raum zum Lernen. Es mag sein, dass manche Menschen sehr gut 10 Minuten Micro-Learning in ihren Arbeitsalltag integrieren können – ich schaffe es nicht. Ich lerne zwar sehr viel „nebenbei“ im Projekt von Kolleg*innen. Dennoch sind wir in Projekten auf Effizienz und Lösungsorientierung getrimmt, entsprechend gehen wir häufig kleine Schritte: hier ein neues Workshop-Element, dort eine Variation. Für neue Themengebiete oder große Sprünge ist selten Platz.

Außerdem bieten Schulungen den sicheren Raum, um angstfrei zu üben und Fehler machen zu dürfen. Für viele Themen ist das essenziell: Den reinen Inhalt einer Coaching- oder einer Führungsausbildung könnte man vermutlich in zwei bis drei Tagen „senden“ – nur gelernt hat danach niemand was.

In Lebenswirklichkeit hineinwirken

Vor einigen Wochen kam bei mir ein Thema auf, dass ich gerne intern bei MaibornWolff verbreiten möchte. Beim Konzipieren des Workshops habe ich mich von meinen bisherigen Erfahrungen leiten lassen und versucht möglichst viel davon umzusetzen:

Ganz symbolisch heißt das ganze schon nicht Schulung, sondern Workshop – weil die Teilnehmer*innen selbst arbeiten sollen und nicht ge- oder gar beschult werden. Natürlich liegt mir mein Thema am Herzen oder genauer formuliert: Mir ist wichtig, mit meinem Thema Wirkung zu erzeugen. Diese Wirkung entsteht aber in der Lebenswirklichkeit der Teilnehmer*innen und muss dort ankommen. Diese Arbeit kann ich vorbereiten und Angebote machen, ich kann sie aber nicht für die Teilnehmer*innen leisten.

Mir ist wichtig, möglichst viele Anknüpfungspunkte zu bieten, deshalb starten wir mit persönlichen Geschichten der Teilnehmer*innen und entwickeln die Theorie Stück für Stück, an und mit diesen Geschichten. Erst dann kommt der einzige und sehr kurze „klassische Vortrag“: Das Modell, dass wir vorher in einzelnen Aspekten erarbeitet haben, stelle ich kurz integriert, als Ganzes vor. So erhalten die Teilnehmer*innen eine Landkarte für die anschließende Vertiefung.

Teilnehmer*inengerecht vertiefen

Hier wird es dann richtig knifflig: Wo vertiefen? Wer weiß schon was? Wer knüpft wo an? Auf unserem Firmenseminar habe ich von Susanne Taylor (Infos auf ihrer Website oder bei Twitter) eine Blaupause in Form einer Einführung in Liberating Structures bekommen. Sie kombinierte zwei Ideen, die ich genauso für den Hauptteil meines Workshops nutze:

Zum einen ersetzt eine Galerie aus vielen Flipcharts mit Inhaltshäppchen den Frontalvortrag. So können die Teilnehmer*innen selbst genau dort andocken, wo sie in diesem Moment hingezogen werden. Durch das Umschalten von Push auf Pull lösen sich viele der Fragen von oben – Vorkenntnisse, Anknüpfung ans eigene Erleben für den Transfer, Vorwissen – fast automatisch. Ob sich jemand erstmal nur einen Überblick verschaffen möchte oder gleich irgendwo tief in die Diskussion einsteigt, kann er oder sie nach Vorwissen und den eigenen Bedürfnissen selbst entscheiden.

Außerdem findet die Reflektion nicht nur allein, sondern kurz darauf auch zu zweit, zu viert und dann im Plenum statt (eine sogenannte 1-2-4-All Liberating Structure). So profitieren alle von den verschiedenen Perspektiven auf ein Thema: Einer Person fällt eine Geschichte zu Thema A ein, die es mit der „echten“ Welt verknüpft. Ihr Gegenüber kann bei Thema B einsteigen und verschafft ihr vielleicht einen Zugang zu etwas, das er oder sie so vorher nicht gesehen hat.

Vorwissen einbringen

Noch spannender wird es dadurch, dass ja Teilnehmer*innen oft Vorwissen und Vorerfahrungen mitbringen – hier wird dann vielleicht die eine selbst zur Trainerin: Sie kann ihren Kolleg*innen ein Konzept, das sie schon kennt, direkt erklären. Oder jemand anderes ergänzt und vertieft einen Aspekt, der noch gar nicht abgedeckt ist. Anders als in klassischen Schulungen, die häufig eine klare Trainer*in-Schüler*in Rollenteilung vorsehen, tritt das Wissen der Teilnehmer*innen so nicht in Konkurrenz mit dem Trainingskonzept, sondern ist eine wertvolle Ergänzung.

Das verändert auch meine Rolle. Viel der Arbeit, nämlich die Aufbereitung, geschieht im Vorfeld. Während des Workshops bin ich hauptsächlich Moderator und Impulsgeber. Ich biete einen Raum zum Lernen, anstatt als „Trainer“ meine Botschaft zu senden. Natürlich kann ich Antworten auf Unklarheiten und Fragen geben und setze mit den Inhalten in den Flipcharts und Übungen auch die Agenda. Am Ende entscheiden aber die Teilnehmer*innen selbst, wo die Reise hingeht. Und vermutlich werde auch ich von meinen Kolleg*innen Neues Lernen.

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