Interview: Design Thinking

"Brich aus der Gewohnheit aus!"

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Design Thinking – was ist das eigentlich?

Dr. Alexander Fanghänel:

Oberflächlich betrachtet ist Design Thinking eine Methodik, die sich aus vielen kleinen Einzelbausteinen zusammensetzt. Das Wesentliche aber ist das Mindset: Ich bin offen und traue mich, Fehler zu machen. Ich gehe auf die Menschen zu und hole mir schnell Feedback ein. Diese Einstellung verändert Projekte. Einer unserer größten Kunden denkt zum Beispiel stark von der Business-Seite aus. Das genügt heute nicht mehr: Ich muss mir Gedanken machen, was meine Kunden antreibt.

Mindset gut und schön, aber wie geht ihr konkret vor beim Design Thinking?

Dr. Dominik Birkmeier:
Beim Design Thinking starten wir nicht von Problemen oder Lösungen aus, sondern von den Bedürfnissen der Menschen. Die finden wir heraus durch Beobachten – nicht durch Hypothesen oder Manager-Annahmen. Wir fragen die Menschen nach Erlebnissen und Geschichten, nicht nach Lösungen.

Dr. Alexander Fanghänel, Consultant und Design-Thinking-Experte bei MaibornWolff

Dr. Alexander Fanghänel:
Geschichten sind nicht das Einzige. Bei einem Projekt für die Deutsche Bahn sind wir zum Beispiel zwei Tage lang auf unterschiedlichen Zügen mitgefahren. Wann immer Zeit war, haben wir mit den Betroffenen geredet – ohne Fragebogen. Wir haben das mit Fotos und Videos dokumentiert und nachbereitet. Auf Bildern siehst du immer nochmal Dinge, die dir in der Situation selbst nicht aufgefallen sind. Wichtig ist das Gesamtbild: Wie sind die Leute drauf, wie ticken sie, was bewegt sie? In einem späteren Schritt haben wir das mit einer Empathy-Map und mit Personas greifbar gemacht.

Eine Empathy-Map hilft uns, die Gefühle unserer Kunden besser nachzuvollziehen.

Praxis-Tipps: Gibt es etwas, das euch beim Beobachten hilft?

Dr. Alexander Fanghänel:
Zum Design Thinking gehört eine große Sammlung von Techniken und Methoden. Dinge aufzumalen statt zu sagen, hilft zum Beispiel enorm – für gewöhnlich sträuben sich erstmal alle. Am Schluss aber kann es jeder. Das Schöne daran: Die Bilder lassen viel Raum für Interpretation. Durch die Diskussionen darüber entstehen neue Perspektiven und Lösungsräume. Und: Es geht nicht um Originalität – spicken ist erlaubt. Ein Team geht zum anderen Team und holt sich Inspirationen. Das weitet das Korsett. So etwas muss natürlich anmoderiert werden! Projektmitabeiter sind in der Regel technisch orientiert und wollen schnell auf eine – meist offensichtliche – Lösung zugehen. Beim Design Thinking schau ich mir erstmal möglichst viele Ideen an, offensichtliche und verrückte, bevor ich mich für einen ersten Lösungsansatz entscheide.

Wie führt ihr die Ideen zusammen?

Dr. Dominik Birkmeier:
Das Team gruppiert und sortiert den Input. Kenngrößen sind zum Beispiel: Was ist am sinnvollsten? Was können wir schnell machen? Beim Nugget-Framing etwa bekommen die Teilnehmer einen goldenen Bilderrahmen. Mit ihm grenzen sie ihre Favoriten ein. Es geht darum, schnell Ideen zu gewinnen und wieder zu verwerfen. Dazu bauen die Beteiligten schnell ganz einfache Prototypen, sogenannte Pretotypes. Manche nehmen Stift und Papier, andere basteln mit bereitgestelltem Material. Ziel ist es, erlebbar zu machen, was du im Kopf hast. Dann kommt die Testphase: Ich drücke meine Idee jemandem in die Hand und beobachte, ob sie das leistet, was ich beabsichtige. Die Probanden spüren, fühlen und geben Feedback. Oder die Menschen spielen ihre Lösung mit verteilten Rollen durch. Was richtig ist, entscheiden sie selbst. Wesentlich ist dabei: IT muss nicht die Lösung sein. 

Nugget-Framing (hier mit einem blauen Rahmen) motiviert dazu, das Wesentliche zu erfassen

Unterscheiden sich Design-Thinking-Workshops von Kunde zu Kunde?

Dr. Alexander Fanghänel:
Wie stark wir als Moderatoren in das Vorgehen und die Entscheidungsprozesse der Teams eingreifen, hängt stark vom Kunden und der Umgebung ab. Wir reagieren auf die Stimmung im Raum. Oft zeigen wir auf, welche Methoden es gäbe, und die Gruppe entscheidet. Je mehr Erfahrung die Menschen schon mit Design Thinking gemacht haben, desto freier werden sie. Und es gibt keine falsche Methode – Scheitern und lernen ist Teil des Konzepts: Fail early, fail often! 

Wenn jemand Design Thinking ausprobieren möchte – worauf muss er achten?

Dr. Alexander Fanghänel:
Das Wichtigste ist das Mindset – wir verdeutlichen das mit Regeln. Ein Design Thinking Workshop dauert zwei Tage. In dieser Zeit kommst du von einer Fragestellung zu einem getesteten Pretotypen. Die ersten Ideen sind in Form von Pretotypen begreifbar und getestet: "Ich habe erlebt, was meine Kunden wollen." Ganz oft findet dann ein Umdenken statt. Die Botschaft lautet: Trau dich einfach mal. Und: Sei authentisch. Wenn du selbst nicht daran glaubst, kannst du die Menschen nicht mitnehmen. Oft ist eine Moderation von außen sehr hilfreich, denn in der Regel ist zunächst eine gewisse Skepsis da. Verständlich, denn die Methode basiert nicht auf Zahlen und Daten, sondern auf den Bedürfnissen der Menschen. Das Umfeld muss das zulassen. Ein angstfreier Raum ist wesentlich. 

Klare Regeln schaffen einen angstfreien Raum – trotzdem braucht es Einfühlungsvermögen, um die Menschen mitzunehmen.

Dr. Dominik Birkmeier:
Es braucht etwas Zeit, um die Menschen für das Mindset zu gewinnen. Wir müssen ihnen aus dem Kopf nehmen, dass sie schon eine Lösung haben oder sofort brauchen. Sich dafür zu öffnen ist neu und fällt unterschiedlich schwer. Oft sind gerade die Manager dazu nicht bereit. Wichtig ist aber: Nicht die Manager wissen, was die Kunden wollen, sondern die Kunden wissen, was sie wollen. Manager müssen bereit sein, sich überraschen zu lassen.

Was sind die häufigsten Abwehrsätze?

Dr. Dominik Birkmeier und Dr. Alexander Fanghänel (lachen):
Der Klassiker lautet: "Wir wissen ja noch gar nicht, was rauskommt." Unsere Antwort darauf: "Ja genau, deshalb machen wir das." Im Workshop hören wir oft: „Ich kann das nicht, das habe ich noch nie gemacht." Dann machen wir Warm-ups, wie zum Beispiel kleine Zeichenübungen oder bauen in Teams einen Turm aus Marshmallows und Spaghetti. Ich muss die Teilnehmer aus der Umgebung herauslösen. Die Botschaft ist: Lasst euch mal darauf ein.

Praxis-Tipps: Was motiviert euch persönlich beim Design Thinking?

Dr. Dominik Birkmeier, Consultant und Design-Thinking-Experte bei MaibornWolff

Dr. Dominik Birkmeier:
Ich liebe es, wie man von den Ergebnissen überrascht wird. Es ist auch für mich immer neu und unerwartet, was rauskommt. Ich sehe auch bei unseren Kunden, dass es was bringt: Die Augen leuchten und das Feedback ist großartig. Die Leute wollen die Ideen gleich aufgreifen und sind hochmotiviert. 

Dr. Alexander Fanghänel:
Design Thinking ist eine Innovationsmethode. Viele Leute sind viel zu vorsichtig. Wir finden viele kleine Puzzle-Teile. Manche von den Puzzle-Teilen werden aufgegriffen – abhängig vom Mut, den die Menschen dann auch nach Workshops haben. Menschen Mut zu machen, bereichert mich selbst. Oft sind es kleine Ideen, die Prozesse besser machen. Aber genau so funktioniert Innovation, selten mit dem großen Durchbruch. 

Personas vermitteln ein Gefühl für ein bestimmtes Kundensegment

Kann Design Thinking uns helfen, die Digitale Transformation zu meistern?

Dr. Dominik Birkmeier:
Design Thinking kann helfen, auf die richtigen Ideen zu kommen. Durch disruptives Denken schaffen wir den Raum für Innovationen. Und das in hoher Geschwindigkeit. Wir kommen schnell zu Ergebnissen. Wo sich die IT innerhalb von Wochen weiterdrehen muss, musst du mit den Ideen schnell sein. Hier setzt Design Thinking an. Das aber nur eine von vielen Lösungen: Kurze Zyklen und schnelles Feedback sind fester Bestandteil von Design Thinking, und beispielsweise auch ein Grundprinzip der agilen Software-Entwicklung.

Dr. Alexander Fanghänel:
Wer immer es probieren möchte: Dare to be wild – hab Mut und traue dich einfach! Brich aus der Gewohnheit aus!

Danke für das Gespräch!

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