Freiflug

Work-Life-Balance für Fortgeschrittene

Von Mi-Kyong Yoon
13. März 2018

Vor einigen Tagen besuchte ich eine Schulung, bei der ich viele neue interessante Menschen kennenlernte. So unterschiedlich wir auch waren, eine Sache verband auffällig viele: Das Vorstellungsritual, seinen Beruf zu nennen und dann auf die Hobbies einzugehen, die man zum Ausgleich betreibt.

Wir stellten uns nicht selber vor, sondern nach einem Interview jeweils eine andere Person. Dennoch fiel der Ausdruck „und zum Ausgleich“ bei fast jeder Vorstellung. Immer waren es Freizeitaktivitäten, welche arbeitsbedingten Stress ausgleichen sollten. Eine gute Work-Life-Balance, das schien nach der Vorstellungsrunde ein Ziel, nach dem alle streben.

Beruf abseits vom Leben?

Laut Wikipedia wird bei dem Begriff Work-Life Balance „davon ausgegangen, dass (Berufs-)Arbeit („work“) etwas anderes sei und abseits passiere vom Leben („life“)“. Oft wird Arbeit bei dieser Definition mit Stress und Zwang gleichgestellt. Leben hingegen bedeutet Freiheit, Selbstbestimmung, Freizeit.

Folge ich diesem Gedankengang, stellt sich mir die Frage, wie ein Ausgleich hergestellt werden kann. Gleichen 60 Minuten Joggen acht Stunden Arbeit aus? Ist der Ausgleich erst hergestellt, wenn danach noch eine Stunde Kino/Lesen/Yoga folgt? Muss ich mehr Zeit für den Ausgleich investieren, könnte es knapp werden. Es bleibt nicht viel Tag übrig, ziehe ich von den 24 Stunden die Zeit für Arbeit, Schlaf, Haushalt, Essen, Hygiene und die Fahrtzeiten ab, die ich benötige um von A nach B zu kommen. Noch problematischer wird es, wenn die Arbeitszeit acht Stunden übersteigt.

Reicht fragile Balance?

Arbeit und Leben scheinen in Konkurrenz miteinander zu stehen. Mal gewinnt das eine Oberhand, mal das andere. Erreiche ich die erwünschte Balance, klingt das für mich dennoch nach einer fragilen Null-Nummer, nicht nach einem Gewinn.

Arbeit passiert abseits vom Leben? Es ist also nicht Teil des Lebens? Was ist es dann?

Ich gehe davon aus, dass Arbeit nicht getrennt vom Leben stattfindet, sondern eine Teilmenge des Lebens ist. Und außerdem, dass Arbeit nicht gleichzusetzen ist mit Stress und Zwang, sondern Stress und Zwang eine Teilmenge des Lebens ist. Mein Ziel ist daher nicht, Arbeit und Leben in ein ausgleichendes Verhältnis zu setzen, sondern die Teilmenge Stress und Zwang möglichst gering zu halten. Ich versuche also nicht, zwei Größen in ein unbekanntes Verhältnis zueinander zu setzen, sondern eine Größe klein zu halten.

Der Vorteil dieser Sichtweise ist, dass diese spezielle Größe keine gänzlich unbekannte ist. Mit Sicherheit kann jeder von uns einzelne Komponenten aufzählen, die zu Stress führen. Welche davon sind beeinflussbar, welche nicht? Wie kann ich die beeinflussbaren Komponenten geringhalten oder gar vermeiden? Was kann ich ändern, um die unvermeidbaren gelassener hinzunehmen?

Mir diese Fragen zu beantworten, dafür investiere ich jetzt eine Teilmenge meiner Lebenszeit.

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