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Wirtschaftlichkeit von DLT-Lösungen

 und Tobias Dussler

6. Dezember 2018

Alt versus neu: Können DLT etablierte Lösungen ersetzen?

Eine wirtschaftliche Betrachtung

Aktuell beschäftigt sich eine Vielzahl von Unternehmen verschiedenster Branchen mit der Blockchain-Technologie. Auch dadurch ist ein wahrer Hype um die Technologie entstanden, nicht wenige Unternehmen suchen nach Anwendungsfällen, die mit der Blockchain gelöst werden sollen. Neben der Diskussion um die Sinnhaftigkeit werden bei größeren Vorhaben zunehmend auch Fragestellungen in Richtung Wirtschaftlichkeit diskutiert.

Dies ist ein zweischneidiges Schwert. Gerade hoch disruptive Technologien können mit einem Business Case schnell ins Abseits oder – genau im Gegenteil auf eine Überholspur argumentiert werden. Wir wollten mit einer Diskussion im Rahmen der Masterarbeit von Tobias etwas mehr Struktur schaffen. Wir möchten bewusst und vor allem ergebnisoffen darüber sprechen, welche wirtschaftlichen Argumente es gibt.

Der Analyse-Teil der Masterarbeit überträgt das Wirtschaftlichkeitsmodell „Total Cost of Ownership“, kurz: TCO, auf die Blockchain und wägt anschließend die Chancen einer DLT-Lösung gegen Herausforderungen ab. Damit ergibt sich schnell ein Bild, welche Faktoren nicht relevant sind, und welche DLT-Spezifika Auswirkungen auf das wirtschaftliche Betrachtungsmodell haben.

Anwendungsfall "Lieferantenwechsel"

Soweit zur Theorie. – Und bringt es etwas? Dafür geht es an einen Anwendungsfall aus dem Energiemarkt: den Lieferantenwechsel.

In der Masterarbeit wird der Anwendungsfall „Lieferantenwechsel“ in der Energiebranche betrachtet, also den Vorgang, wenn ein Endkunde von einem Stromanbieter zum nächsten wechselt. Dieser wird derzeit prototypisch im Projekt ETH@Energy umgesetzt. Das Umsetzungsprojekt schafft die Basis für die Beurteilung des Blockchain-Einsatzes in diesem Prozess. Der Lieferantenwechsel ist Teil der sogenannten "Marktkommunikation": Marktkommunikation beschreibt die zugehörige B2B-Interaktion sowie den Informationsaustausch zwischen Marktakteuren mittels standardisierter und elektronisch automatisierter Geschäftsabläufe. Das wird derzeit unter andere mit EDIFACT abgewickelt.

Viele Vorteile

In der Masterarbeit hat Tobias mehrere signifikante Vorteile beim Umstieg auf DLT belegt:

1. Ausfallsicherheit:

Besonders auffällig ist Ausfallsicherheit: Die bis dato eingesetzten EDI-Systeme arbeiten mit zeitlichen Verzögerungen; zudem sind sie nicht explizit ausfallsicher, da jeder Teilnehmer im Strommarkt eigene Infrastrukturen unterhält. Distributed-Ledger-Technologien bringen eine dezentrale Struktur mit; es gibt keinen Single Point of Failure, so dass sie als besonders ausfallsicher gelten.

2. Auditierbarkeit:

Da Blockchain als unveränderliches Register für digitale Datensätze, Ereignisse oder Transaktionen definiert ist, resultieren eine verbesserte Nachweisbarkeit von Transaktionen und demzufolge auch eine bessere Auditfähigkeit im Vergleich zur EDIFACT-Lösung.

3. Automatisierbarkeit und Modifizierbarkeit:

Der hohe Automatisierungsgrad der Blockchain-Lösung ist auf den Einsatz von Smart Contracts zurückzuführen, die Prozessschritte des Lieferantenwechsels selbstständig ausführen und somit ein manuelles Eingreifen überflüssig machen. So kann eine echte Ende-zu-Ende-Automatisierung erreicht werden. Automatisierung spielt auch im Zusammenhang mit der Modifizierbarkeit des Blockchain-Systems eine entscheidende Rolle. Aufgrund automatisch stattfindender Synchronisations- und Replikationsmechanismen können etwaige Änderungen zudem schneller im Netzwerk verteilt werden.

4. Software- und Betriebskosten:

Die vergleichsweise deutlich niedrigeren Softwarekosten ergeben sich aufgrund der Nutzung von Open-Source Software bei der Entwicklung. Auch die Betriebskosten der Blockchain-Lösung sind wesentlich geringer, da lediglich Aufwände für den Betrieb einer Node sowie Transaktionskosten anfallen.

Nachteile: F&E und Training

Im Vergleich zu den Vorteilen sind die signifikanten Nachteile von DLT für den Einsatzzweck noch der Tatsache geschuldet, dass wir es mit einer vergleichsweisen jungen Technologie zu tun haben:

Die Blockchain-Lösung schneidet bei Forschung & Entwicklung von Plattform, Elementen und Subsystemen und dem Training wesentlich schlechter ab als die etablierte EDIFACT-Lösung. Je mehr sich die Technologie am Markt etabliert, desto weniger trifft diese Bewertung zu.

Sowohl die Austauschbarkeit als auch die Systemimplementierungskosten sind derzeit nicht bewertbar. Erst der Produktivbetrieb der Blockchain-Lösung wird weitere, konkrete Aufschlüsse in Bezug auf die verbundenen Aufwände ergeben.

Die Kriterien in der Übersicht:

Bewertungsdomäne

Subdomäne

Kategorie

Bewertungsgegenstand

Bewertung

Technisch

Spezifikation

Performance &

Skalierbarkeit

Durchsatzleistung

o

Kapazität

-

Sicherheit

Reifegrad

-

Wiederherstellbarkeit

+

Vertraulichkeit

+

Verfügbarkeit

++

Integrität

+

Nachweisbarkeit

++

Kompatibilität

Kompatibilität mit Systemen

o

Portabilität

Anpassungsfähigkeit

+

Austauschbarkeit

n.b.

Wartung & Betrieb

Wartung &

Betrieb

Modularität

+

Auswertbarkeit

o

Modifizierbarkeit

++

Testbarkeit

-

Ökonomisch

Kosten

Forschung & Entwicklung

Plattform, Elemente & Subsysteme

--

Implementierung

Hardwarekosten

+

Softwarekosten

++

Systemimplementierungskosten

n.b.

Wartung &

Betrieb

Wartungskosten

+

Betriebskosten

++

Rückbildung

Rückbildungskosten

o

Anwendungsfall

Effizienz

Geschäftsprozessabbildung

o

Automatisierungsgrad

++

Transparenz

Transparenz

+

Flexibilität

Flexibilität

o

Organisatorisch

Training & Skills

Training &

Skills

Training

--

Rechtlich

Recht

Rechtliche

Grundlagen

Datenschutz

o

Auditfähigkeit

++

 

Bewertungsskala:

 

--

-

o

+

++

n.b.

Wesentlich schlechter

Schlechter

Kein

Unterschied

Besser

Wesentlich besser

Nicht

bewertbar

 

Diese Kategorien und Kriterien können initial auch für die Untersuchung anderer Anwendungsfälle verwendet werden. Für diesen Anwendungsfall ist es aus heutiger Sicht sinnvoll, Blockchain einzusetzen.

Und jetzt das "Aber"

Jetzt kommt noch ein Aber: Letztlich können erst im Produktivbetrieb valide Einschätzungen gegeben werden, ob der EDIFACT-basierte Prozess zukünftig abgelöst wird. Bis dahin muss sich die Blockchain als neuartige Technologie zunächst bewähren und im Anwendungsumfeld etablieren. Es bedarf der kontinuierlichen Weiterentwicklung der Technologie. Darüber hinaus gilt es, offene Fragestellungen, u.a. im Hinblick auf Rechtsprechung und Gesetzgebung, zu beantworten. Ist dies geschehen, so wird die Blockchain-Technologie ihren Stellenwert im Kontext der IT- und Prozesslandschaft von Unternehmen weiter festigen und behaupten.

Es wird also deutlich, dass man für eine derartige Frage und Bewertung zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht einfach zu einer Excel-Tabelle greifen kann. Vielmehr muss eine individuelle Diskussion geführt werden, bei der die Einschätzung der Bewertung helfen kann. Jedoch muss diese Bewertung kontinuierlich an die Erkenntnisse aus der eigenen Entwicklung hinaus und der Evolution der Technologie betrachtet werden.


* Die Masterarbeit von Tobias Dussler (hier bei LinkedIn) mit dem Titel „Einsatz von Blockchain im organisatorischen Kontext – Konzeption und Bewertung eines spezifischen Anwendungsfalls“, wurde am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik mit Schwerpunkt Informations- und IT-Servicemanagement (Prof. Dr. Lehner) der Universität Passau (Link) und bei MaibornWolff erarbeitet.

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