Freiflug

Kopfnoten 2.0

Von Nicolas Behle @NicBehle auf Twitter
11. Dezember 2017

Über Sozialpunkte und unsere gesellschaftliche Verantwortung als digitale Transformierer

„Entschuldigen Sie, mit Ihrem Score müssen Sie diesen Bereich nun bitte verlassen.“

Während wir uns mit Vorratsdatenspeicherung und Videoüberwachung im öffentlichen Raum auseinandersetzen, nimmt die Überwachung durch den Staat anderenorts dystopische Ausmaße an. China testet in mehreren Piloten verschiedene Versionen eines Sozialpunktesystems. Was erst einmal klingt, als würde man bei Rewe an der Kasse zukünftig zwei Mal gefragt werden, ob man Punkte sammelt, zeigt beim zweiten Blick eine immense Kehrseite der tiefgreifenden Digitalisierung unseres Lebensraums auf. Mit diesem Punktesystem wird ein Staat zukünftig den Lebensstil seiner Bevölkerung mit jeder Handlung bewerten.

Kopfnote revisited

Wie wohnt man? Beansprucht man für sich viel Platz oder teilt man sich den wenigen Platz mit einer Familie? Fährt man mit dem Rad oder dem Auto zur Arbeit? Was kauft man ein? Zahlt man pünktlich seine Rechnungen oder gibt es mal ein paar Tage Verzug? Wie ist man generell finanziell aufgestellt? Ist man womöglich verschuldet? All das und einiges mehr wird China zukünftig als Basis für eine Kopfnote verwenden. Jeder Bürger wird zu einer Zahl, die ihm Türen öffnen und verschließen kann.

Was passiert, wenn ein Staat zum Richter über gut und schlecht wird, und das Leben zu einem großen Spiel? Die Punktezahl soll über essentielle Lebensbedingungen entscheiden: Bekommt jemand ein Visum für bestimmte Länder? Darf das eigene Kind auf eine Schule? Und auf welche? Bekommt jemand einen Kredit? Darf jemand noch weiter auf einer Website einkaufen?

Es lassen sich zahlreiche Anwendungsbereiche finden, in denen dieser Social Score zukünftig Anwendung finden kann. Die Szenarien lassen sich beliebig ausschmücken. Wieso nicht Stadtbezirke, die nur noch von bestimmten Personenkreisen aufgesucht werden dürfen? Was ist das für eine Welt, in der ein solches System von seinen Gestaltern akzeptiert wird? Wäre das in Deutschland ebenso möglich? Oder sind wir politisch so desinteressiert und egoistisch geworden, dass wir kaum noch Kraft und Willen zur Rebellion aufbringen?

Die Folge „Abgestürzt“ der „Black Mirrors“ Serie hält dem Zuschauer in einem stark vergleichbaren Szenario bereits den Spiegel vor und reflektiert den heutigen Umgang mit sozialen Medien. In der Folge bewerten Menschen letztlich jede stattfindende Interaktion mit anderen und schaffen damit eine Welt, in der niemand mehr er selbst ist, weil Emotionen und Selbstbestimmung keinen Raum mehr finden.

Verantwortung

Die Basis für ein solches System schaffen wir durch die Software, die wir täglich entwickeln, durch die Algorithmen, die alles schneller und intelligenter machen. Wir treiben die Digitalisierung in allen Bereichen, die unser Leben gestalten, täglich voran. Je mehr sich quantifizieren lässt, umso besser. Auf Basis von Quantifizierung und Mustererkennung lassen sich garantiert bessere Entscheidungen fällen, nehmen wir an. Sind wir uns dabei der Verantwortung bewusst, eine Welt zu schaffen, die auf gleiche Weise gegen uns benutzt werden, wie sie uns so oft dienlich ist?

Mit Bauchschmerzen schaue ich auf viele bisherige Entwicklungen, die sich auch hierzulande vermehrt durchsetzen, etwa das 24/7-Tracking meines Körpers, entweder freiwillig oder gleich gesponsert durch meine Krankenkasse. Doch die Entwicklung in China bringt mich an meine Grenze und lässt mich zweifeln an dem Mehrwert meines Beitrags zur digitalen Transformation meiner Umwelt. Darüber sollten wir diskutieren!


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