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Enterprise Architecture Teil 2: Wie reif ist Ihre EA?

Von Therese Hempel

20. September 2021

Was haben Tomaten und Enterprise Architecture (EA) gemeinsam? Nicht viel, scheint es auf den ersten Blick. Schaut man jedoch genauer hin, fällt auf: sowohl eine Tomatenpflanze als auch die Unternehmensarchitektur "wächst" und "verzweigt" sich. Sie müssen beide gewissen Umweltbedingungen trotzen und sollten dabei möglichst wie gewünscht reifen. Den Beobachtungen im heimischen Garten folgend wagen wir den Sprung vom Gemüsebeet in die Forschung: Was bedeutet Reife im Kontext von EA - und wie lässt sich diese bestimmen?

Ausgehend von meinem Blogbeitrag über "moderne" EA beleuchte ich im Folgenden den Begriff der Reife und stelle ein Reifegradmodell vor. Dieses können Sie frei nutzen, um individuelle Unternehmensarchitektur zu überprüfen. Im Vordergrund steht dabei nicht eine Detailbetrachtung, sondern die Vorstellung des Modells als ein mögliches Tool im EA-Gestaltungskoffer.

Was bedeutet "Reife" im Kontext moderner EA?

Laut Duden steht das "Reif sein" für einen „Zustand der Ausgewogenheit und Abgerundetheit“ [1]. Im Cambridge Dictionary wird dies noch weiter ausgeführt: das englische Äquivalent "maturity" wird dort als the „state of being perfect or ready“ [2] beschrieben. Für Tomaten scheint diese Reifeprüfung einfach: sind sie prall und saftig, dann sind sie erntereif. Doch Kriterien wie Farbe, Form und Größe können beispielsweise je nach Sorte, Standort oder Geschmack vollkommen unterschiedlich bewertet werden. Ein Extrembeispiel bietet die Tomatensorte Black Beauty: Während schwarze Tomaten herkömmlicherweise mit einem überreifen, verfaulten Zustand in Verbindung gebracht werden, handelt es sich hierbei um eine von Kennern geliebte Fleischtomate.

Bereits mit dieser Beobachtung wird klar: Reifebestimmung ist eine komplexe Thematik, die vielen individuellen Faktoren unterliegt. Vor einem ähnlichen Dilemma steht man bei der Analyse der Unternehmensarchitektur: Je nach Umstand lassen sich unterschiedliche Antworten auf die Frage finden, was eine "perfekte" Unternehmensarchitektur ausmacht. Dieser Betrachtung der EA auf einer Metaebene widmete ich mich bereits mit dem Begriff der "modernen" Unternehmensarchitektur – auf deren zentrale Merkmale ich in meinem Blogbeitrag über „moderne EA“ genauer eingehe.

Fakt ist: Bei der heutigen EA-Gestaltung sind ein pauschaler branchen-, firmen- oder in einigen Fällen sogar domänenübergreifender Vergleich sowie der Rückgriff auf Blueprints oft nicht zielführend. Die Architektur sollte vielmehr bestmöglich auf die zugrundeliegenden, ganz individuellen Geschäftsprozesse zugeschnitten sein. Demnach ist an dieser Stelle festzuhalten: Das „Reif sein“ im Kontext (moderner) EA ist individuelle Auslegungssache. Grundvoraussetzung ist eine bewusste, kontinuierliche und kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Architektur.

Kann man die Reife moderner EA messen?

Die Antwort ist: Jein. Die Reifemessung erfolgt im Kontext der EA nicht im herkömmlichen Sinne quantitativ. Man spricht aus diesem Grund nicht von einer "Messung", sondern von einer qualitativen Standortbestimmung. Diese ist unter anderem abhängig von den untersuchten Kriterien und lenkt die Aufmerksamkeit auf das "Was" (Welche Merkmale setzen wir warum (nicht) um?), anstatt das "Wie" (Was sind die geeignetsten Umsetzungsmöglichkeiten dieser Merkmale in unserem spezifischen Kontext?). Diese Rahmenvorgaben begünstigen, dass „[...] [es] unabhängig von den jeweiligen Geschäftszielen und den vorhandenen Aspekten [...] möglich ist, den Reifegrad bestimmen zu können“ [3].

Reifegradmodelle gelten in diesem Zusammenhang als geeignete Unterstützung, um sowohl die bisherige als auch die angestrebte Ausgestaltung der EA systematisch und wiederholt zu "verorten" [4]. Das bedeutet, die EA wird anhand festgelegter Merkmale über einen längeren Zeitraum hinsichtlich ihrer Ausprägung betrachtet, sodass ein evolutionärer Verlauf dokumentiert und ausgewertet werden kann.

Doch: Obwohl dieses Vorgehen üblich und entsprechende Reifegradmodelle im Kontext der EA ein beliebtes Werkzeug sind [5], werden Architektur wie auch moderne (Management-)Ansätze bislang recht einseitig betrachtet. Die Untersuchung bereits bestehender Tools deckte deutlich den Bedarf für eine Neukonzeption eines Reifegradmodells auf [6]. Zusammenfassend wurde mein Modell dafür konzipiert, die Merkmale moderner EA (u.a. für Unternehmensarchitekten) im Kontext der eigenen Unternehmensarchitektur greifbar zu machen. Ausgehend von der Analyse kann dann eine individuelle Ausgestaltung folgen.

Wie ist das konzipierte Reifegradmodell aufgebaut?

Wer schon einmal mit Reifegradmodellen gearbeitet hat, weiß, wie umfangreich und komplex diese gestaltet sein können. Um die Arbeit mit meinem Tool nicht zu erschweren, sondern dem identifizierten Praxiswunsch nach Einfachheit zu entsprechen, fiel die Wahl auf einen bereits bewährten, vierteiligen Aufbau. Angelehnt an den St. Galler Ansatz des Business Engineerings gliedert sich mein Reifegradmodell moderner EA zunächst in vier grundlegende Gestaltungsebenen [7]:

  • Strategie
  • Prozesse und Strukturen
  • Systeme und Technologien
  • Politik und Kultur

Während „Strategie“, „Prozesse und Strukturen“ sowie „Systeme und Technologien“ gezielt aufeinander aufbauen, umschließen und verbinden „Politik und Kultur“ diese Punkte auf einer übergeordneten Ebene (siehe Abbildung 1). Damit werden traditionelle Definitionen der EA bewusst durch eine vierte Komponente erweitert, die neue Verknüpfungen schafft und Fragestellungen moderner Architektur abdeckt.

Abbildung 1: Aufbau des finalen Reifegradmodells in der Übersicht

Abbildung 1: Aufbau des finalen Reifegradmodells in der Übersicht [8]

Wie in der Abbildung 1 bereits erkennbar ist, sind den Ebenen insgesamt acht Gestaltungsdimensionen zugeordnet, die sich weiter in Gestaltungsobjekte untergliedern lassen, um einen speziellen Design-Fokus zu setzen:

  • Verschmelzung von Business und IT (Streben nach einem konsens-basierten Design)
  • Governance (Streben nach bedarfsgerechten Standards)
  • Planung und (Weiter-) Entwicklung (Streben nach unternehmensweiter Integration)
  • Etablierung und Pflege (Streben nach unternehmensweiter Verzahnung)
  • Umsetzung (Streben nach Kollaboration)
  • Infrastrukturen und Werkzeuge (Streben nach Robustheit unter Unsicherheit)
  • Kompetenzen (Streben nach exzellentem Wissen)
  • Akzeptanz (Streben nach Commitment)

Der Reifegrad selbst wird für jede einzelne Dimension anhand dieser vier, von mir entwickelten Reifegradstufen bestimmt:

  • Reifegrad 1: „initiiert“ (stark fragmentierte EA; wachsende Idee einer zeitgemäßen und bedarfsgerechten Ausrichtung)
  • Reifegrad 2: „definiert“ (sichergestellte Existenz, Konsistenz und breite Verfügbarkeit der EAM-Dokumentation; klare Vorstellung über moderne EA im Unternehmen)
  • Reifegrad 3: „gemanaged“ (tatsächliche Umsetzung dokumentierter Aspekte; Management trägt Wandel aktiv mit)
  • Reifegrad 4: „gelebt“ (selbstständiges, ganzheitliches Problemverständnis; vom Unternehmen angestrebtes EAM wird von Beteiligten mitgetragen)

Da alle Reifegrade aufeinander aufbauen, bietet sich bei der Standortbestimmung das kontinuierliche Reifeprinzip, in Anlehnung an das Vorgehen des Architecture Capability Maturity Model (ACCM) [9], an. Dies bedeutet konkret, dass die nächste Reifegradstufe nur mit vollständiger Erfüllung des vorausgehenden Grades erreicht werden kann.

Wann und wie kommt das Reifegradmodell zum Einsatz?

Das Modell kann sowohl präventiv dazu genutzt werden, die eigene EA besser kennenzulernen, als auch um konkrete Painpoints der Architektur im Kontext vorherrschender Herausforderungen zu identifizieren und abgeleitete Maßnahmen zu priorisieren.

Für eine einfache und übersichtliche Standortbestimmung moderner EA wurde das konzipierte Reifegradmodell in einem Tool aufgearbeitet, welches auch eine Visualisierung erlaubt (siehe Abbildung 2).

Abbildung 2: Visualisierung der Standortbestimmung mittels Spider-Matrix

Abbildung 2: Visualisierung der Standortbestimmung mittels Spider-Matrix

Wie aus der Abbildung 2 hervorgeht, sollte die Reifegradbestimmung selbst in zwei Phasen erfolgen: zunächst wird die unternehmensspezifische Situation im Hinblick auf die Enterprise Architecture Dimension für Dimension bestimmt und als konsolidierter Ist-Zustand festgehalten. Gleiches wiederholt sich für den angestrebten Soll-Zustand. Aber Vorsicht: Tomaten müssen geerntet werden, bevor sie überreif sind – es geht nicht darum, für jeden Punkt die höchste Reifestufe zu erreichen, sondern die für den spezifischen Unternehmenskontext adäquateste. Auf Grundlage der identifizierten Lücken zwischen Ist und Soll können dann die auf das Unternehmen passgenau zugeschnittenen Empfehlungen und Next Steps abgeleitet werden.

Fazit

Während wir den Tomaten im Garten das Reifen lieber selbst überlassen, kann man als Enterprise Architect oder CIO mit Hilfe des konzipierten Tools der eigenen EA aktiv zu einer moderneren Ausgestaltung verhelfen. Folglich geht es nicht darum, detaillierte Untersuchungen der Architektur oder gar Vergleiche zwischen Unternehmen durchzuführen. Vielmehr dient das Reifegradmodell als erste, generische Orientierungshilfe im Transformationsprozess hin zu einer modern ausgestalteten EA – und kann bei Bedarf auf Unternehmensspezifika angepasst werden. Erklärtes Ziel ist es, konkrete Handlungsfelder aufzudecken, gegebenfalls Synergien zu nutzen und die eigene Architektur als "lebendes" (wandelbares und anpassbares) Element des Unternehmens zu betrachten.

Machen Sie den Selbsttest!

Falls Sie nun "Appetit auf mehr" haben: Hier finden Sie mein Tool zur Selbstanwendung in Ihrem Unternehmen:

masterarbeit_reifegradmodell_moderne_ea_tool_th.xlsx

Überprüfen Sie, wo Ihre EA derzeit steht – und wohin "die Reife gehen soll". Wenn Sie sich unsicher sind, wie Sie die nächsten Schritte hin zu einer moderneren Enterprise Architecture ausgestalten sollen: Wenden Sie sich gern an mich oder meine Kolleg*nnen.

Die dargestellten Inhalte sind im Kontext meiner Masterarbeit in Kooperation mit MaibornWolff entstanden. Das von mir erarbeitete Reifegradmodell beruht auf theoretischer sowie empirischer Forschung [10] und wurde im cEAMeetup am 06. Mai 2021 näher vorgestellt. Weiterführende Informationen stelle ich Ihnen auf Anfrage zur Verfügung. Kontaktieren Sie mich gern per Mail, insbesondere wenn Sie Fragen zur Tool-Anwendung, der Konzeption oder meinem Forschungsvorgehen haben. Darüber hinaus sind Anregungen und Feedback in den Kommentaren stets willkommen. 

Übrigens: Das zwischen Gemüsesorten und Enterprise Architecture durchaus weitere Parallelen gezogen werden können, beweist mein Kollege Matthias Ostermaier mit seinem Brokkoli-Modell im Kontext der Fractal Architecture for IT.

Quellen

[1]   Duden (2020b): Reife. Rechtschreibung, Bedeutung, Definition, Herkunft. Online verfügbar unter https://www.duden.de/rechtschreibung/Reife, Zugriff: 26.05.2020.

[2]   Cambridge Englisch Wörterbuch (2020): Maturity. Bedeutung. Online verfügbar unter https://dictionary.cambridge.org/de/worterbuch/englisch/maturity, Zugriff: 06.06.2020.

[3]   Krieg, Alexander (2016): Reifegradmodell für agile Unternehmensentwicklung. Agile Maturity Model. In: Engstler et al. (Hg.). Projektmanagement und Vorgehensmodelle 2016, S. 161– 169. Online verfügbar unter https://dl.gi.de/bitstream/handle/20.500.12116/580/161.pdf?se- quence=1&isAllowed=y, Zugriff: 15.07.2020.

[4]   Walker, W. E.; Harremoës, P.; Rotmans, J.; van der Sluijs, J. P.; van Asselt, M.B.A.; Janssen, P.; Krayer von Krauss, M. P. (2003): Defining Uncertainty: A Conceptual Basis for Uncertainty Management in Model-Based Decision Support. In: Integrated Assessment 4 (1), S. 5–17.

[5]   Becker, Jörg; Knackstedt, Ralf; Pöppelbuß, Jens (2009): Entwicklung von Reifegradmodellen für das IT-Management. Vorgehensmodell und praktische Anwendung. In: Wirtschaftsinformatik 51 (3), S. 249–260.

[6]   Im Zuge meiner Masterarbeit analysierte ich insgesamt zwölf bestehende Reifegradmodelle, die sich u.a. mit traditioneller EA auseinandersetzen, aber auch auf moderne Prinzipien und Prozessen, wie zum Beispiel Agile und Lean, gerichtet sind.

[7]   Baumöl, Ulrike; Jung, Reinhard (2014): Rekursive Transformation: Entwicklung der Business Engineering-Landkarte. In: Walter Brenner und Thomas Hess (Hg.): Wirtschaftsinformatik in Wissenschaft und Praxis. Unter Mitarbeit von Hubert Österle. Berlin: Springer-Gabler, S. 41– 50.

Österle, Hubert (2007): Business Engineering - Geschäftsmodelle transformieren. In: Peter Loos (Hg.): Architekturen und Prozesse. Strukturen und Dynamik in Forschung und Unter- nehmen. Berlin: Springer, S. 71–84.

[8]   Eigene Darstellung in Anlehnung an Egeli, Martin (2016): Erfolgsfaktoren von Mobile Business. Ein Reifegradmodell zur digitalen Transformation von Unternehmen durch Mobile IT. Wiesbaden Germany: Springer Vieweg. Seite 61. Online verfügbar unter http://search.ebscohost.com/login.aspx?di- rect=true&scope=site&db=nlebk&AN=1177357.

[9]   The Open Group (2006): Architecture Maturity Models. The US DoC ACMM Framework. Online verfügbar unter https://pubs.opengroup.org/architecture/togaf8-doc/arch/chap27.html, Zugriff: 15.07.2020.

[10] Die Ergebnisse meiner konzeptionellen und inhaltlichen Untersuchung der ausgewählten zwölf, bestehenden Reifegradmodelle dienten als Grundlage für die Modellneukonzeption, bei der ein iteratives Verfahren genutzt wurde. Das entstandene, fünfstufige Rohmodell wurde mit Hilfe von auf dem Gebiet des EAM führenden Expertinnen und Experten der DACH-Region plausibilisiert, sodass es gestrafft und in die heutige Form gebracht werden konnte.